Zukunftsstrategien
Strategisches IT-Management / Zukunftsstrategien
Auf einem großen Podium mit den zwei Themenbereichen „Strategien und Wertschöpfungsketten der zukünftigen IT“ sowie „Technische Konvergenz“ steckten fünf namhafte Manager von IKT-Unternehmen (Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnik) den Rahmen ab. Moderiert von Jens Koenen, Handelsblatt-Redakteur und Büroleiter in Frankfurt, diskutierten Michael Ganser, SVP DACH und Leiter Großkunden Segment Europa bei der Cisco Systems GmbH, Ivo Totev, Mitglied des Group Executive Board, Software AG, Ralf Reich, General Manager und Country Head Germany, Wipro Technologies, Helmut Reisinger, SVP Europe, Orange Business Services und Joachim Trickl, COO, QSC AG.
Reisinger zufolge ist es Aufgabe eines IKT-Unternehmens, seinen Kunden in einem von hoher Arbeitsteilung geprägten Markt zunächst einmal verlässliche und auf unterschiedlichste Anforderungen anpassbare Netzzugänge zu liefern. Die Notwendigkeit flexibler Infrastrukturen unterstrich auch Reich und verwies gleichzeitig auf den dramatischen demografischen Wandel in Deutschland: „Hierzulande fehlen in diesem Jahr rund 28.000 IT-Fachkräfte. In Indien dagegen verlassen pro Jahr gut 200.000 Fachkräfte die Unis. Das müssen wir gut zusammenbringen.“ Dem setzte Trickl entgegen: „Kunden im Mittelstand möchten als lokale Unternehmen behandelt werden und wollen nicht mit einem Helpdesk in Delhi zusammenarbeiten.“ Ansonsten liege der Interessenschwerpunkt hiesiger Unternehmen auf innovativen Produkten und Services, die sich wertsteigernd einsetzen lassen: „Innovation generiert sich aus Produkten, und die müssen in den Unternehmen zu guten Services zusammengebaut werden. Dazu wollen die Unternehmen Partner haben, die sie beim Aufsetzen und Betreiben dieser Services unterstützen“, betonte Trickl und führte weiter aus: „Wir erwirtschaften bereits 70 Prozent unserer Umsätze mit IP-basierten Services. Entscheidender Punkt ist die Konzentration auf Kernkompetenz.“
Dem konnte Ganser nur zustimmen: „Heute ruft der CEO bei uns an und möchte mit uns diskutieren, weil er aus dem Produkt- in ein vernetztes Geschäft gehen und dafür die Wertschöpfung in der Prozesskette erhöhen muss.“ Frage sei also: Wer liefert welche Leistungen und Ideen in der Wertschöpfungskette. An dieser Stelle seien Know how und Innovation gefragt. Auch Totev spielte den Innovations-Ball und versetzte ihm zusätzlich einen Spin in Richtung Integration: „Wir werden uns noch intensiver auf Integration fokussieren. Die Kunden werden immer weiter verzweigte Geschäftsprozesse haben, die müssen innovativ integriert werden, gleich welche neuen Player oder Konglomerate wir auf der Anbieterseite haben. Damit werden wir wachsen und unsere Identität behalten.“
Thomas Bendig, Geschäftsführer des Fraunhofer Verbund IuK-Technologie, gab in München Aus- und Einblicke in die IT-Forschung. Beispiel Internet der Dinge: „Hierbei geht es darum, Geräte aus der industriellen oder privaten Anwendung mit eigener Intelligenz zu entwickeln, so dass Geräte sich bei Anwendungsproblemen selbständig melden.“ Die Anwendung solcher Devices sei etwa in der Logistik spannend, wo es um Nachverfolgbarkeit gehe. Oder in der Car2Car-Kommunikation. wo die Fahrzeuge sich gegenseitig bei der Stauvermeidung unterstützen könnten. Im Bereich Next Generation Networks kümmern sich die Fraunhofer-Forscher bereits heute um die Nachfolge-Techniken von LTE oder um Antworten auf die Frage, was Post-IP-Netzwerke leisten werden. Hier testen die Ingenieure zum Beispiel schnelle optische und drahtlose Netzwerke – und stellen nach den Worte von Bendig jedes Jahr, zugegeben unter Laborbedingungen, neue Geschwindigkeitsrekorde auf.
Im Segment 3D und interaktive vernetzte Medien werden Themen wie Realtime 3DLive Event Streaming erforscht. So hatten die Fraunhofer letztes Jahr das erste 3D-Livekonzert der „Phantastischen Vier“ in 50 Kinos live in 3D übertragen. Oder es geht um Systeme dafür, dass Kunden Multimedia-Inhalte intuitiv durchsuchen und beispielsweise den Film finden können, in dem ihr Lieblingsschauspieler ein bestimmtes Zitat bringt. Noch viel Potenzial sieht Bendig bei den neuen Benutzerschnittstellen. Wenn Geräte immer kleiner und multifunktionaler werden, liegt die beste Lösung für Anwender darin, dass die Geräte schlicht wissen, was der Nutzer will und regelmäßig tut. Daraus könnten Geräte Profile ableiten und entsprechend selbständig handeln. Dafür werden in Zukunft die schon heute in Geräten integrierten Techniken wie Sensorik, Kameras, Augmented Reality oder Profiling noch integrierter und auf Geschäftsmodelle bezogen zusammenspielen.
Dirk Wittkopp, Geschäftsführer der IBM Deutschland Research & Development GmbH, gab seinen globalen Technologie Ausblick 2011 und führte an, dass die Technik heute bereits an Grenzen stosse. Also müssten Anbieter wie Anwender auf Appliances (Aus neuer Technik und auf Basis neuer Geschäftsmodelle zusammengesetzte Anwendungen) sowie auf Acceleratoren wie In-Memory Analyse Systeme ausweichen. Außerdem sei 2011 das Jahr, in dem Anwender tatsächlich den Unternehmerischen Wert des Cloud Computing sehen würden. Aber, so Wittkopp. „Unternehmen werden dafür in der Lage sein müssen, alle Services aus der Cloud zu orchestrieren und zu managen.“
Auch das Thema Business Analytics, also die Auswertung von Unternehmensdaten zu nützlichen Informationen, mit denen sich Organisationen besser steuern lassen, spielt für Wittkopp eine wichtige Rolle im zukünftigen IT-Mix. Hierbei kommen schon heute teilweise Systeme für Real Time-Business Analytics zum Einsatz. Und da in Zukunft alles schneller werde und die Menge der zu bearbeitenden Daten exponentiell steige, könne man dem nur mit semantischen Techniken begegnen. Spannendstes Thema derzeit in diesem Umfeld seien Lernende Systeme, bei dem es um semantische, also Kontextbezogene Analyse geht. „Hier entwickeln wir ein System, das uns aufgrund von Analysen Modelle und Schlüsselparameter vorschlägt“, berichtete Wittkopp und fuhr fort: „Dann kann das System Hypothesen aufstellen und diese validieren und schließlich den Anwender beraten. Dieses System kann dann Crowdsourcen (seine Ergebnisse in der Webcrowd posten um Feedback bitten) und damit seine Analysen oder Modelle verifizieren.“
Marus Eul und Holger Röder, beide Partner bei der A.T. Kearney GmbH, rundeten den Blick in die Glaskugel mit einigen provokanten Thesen zur IT-Organisation der nächsten Generation ab. So komme der CIO in der „Generation Facebook“ immer mehr aus der Anwendung. Das funktioniere natürlich nur dann, wenn die Leistungserbringung der IT vom Management des IT-Betriebs getrennt werde. Eul dazu: „Das läuft auf eine Zweiteilung dieser Position hinaus, eine Konstellation, in der wieder mehr koordiniert werden muss.“ Allerdings seien die Connected Worlds A.T.-Kearney zufolge noch nicht in der Mitte der Bevölkerung angekommen: „Die Endverbraucher haben noch ihre Vorbehalte und sehen die Angebote teils skeptisch. Und CIO-seitig ist das Thema Connected Worlds noch sehr weit unten auf der Agenda.“ Um Themen der IT-Zukunft überhaupt griffig zwischen Geschäftsleitung und IT-Fachabteilung diskutieren zu können, spiele das IT/Business Alignment mehr denn je eine Schlüsselrolle: Oft braucht es plastische, verständliche Prototypen und zugleich IT-Sprache-freie Präsentationen, damit die Chefs wirklich verstehen, was die IT kann und will. Was bringt den Mehrwert? Schon die Idee? Oder erst ihre Ausführung, die dann den Wertbeitrag liefert? Erläutert Eul: „Natürlich muss eine Idee nicht nur umsetzbar sein, sondern schnell und möglichst dauerhaft Werte schaffen.“
Das Resümee von Thomas Hemmerling-Böhmer, neben Walter Brenner der Vorsitzende der Handelsblatt-Veranstaltung lautete: Wir CIOs müssen uns einmischen. Wir überleben nur, wenn wir unsere Integrationskompetenz aktiv einbringen und uns einmischen.“ Also sollten CIOs das Alignment mit jedem im Unternehmen suchen und dafür auch die richtige Sprache finden. Eul dazu abschließend: „Richtig, nur sind unserer Erkenntnisse zufolge erst gut 30 Prozent der CIOs bei dieser Haltung angekommen.“